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«Besonders spät geborene Jungigel können unter Druck geraten»

Der heisse und trockene Sommer hat das Nahrungsangebot für Igel deutlich reduziert. Nun müssen sich die Tiere genügend Fettreserven für den Winterschlaf anfressen. Janick Ehrsam, Projektverantwortlicher Wildtiere beim Schweizer Tierschutz STS, erklärt, welche Igel besonders gefährdet sind, wann menschliche Hilfe tatsächlich notwendig ist und warum ein etwas unordentlicher Garten für die Tiere ein Geschenk sein kann.


Der Sommer war heiss und trocken. Warum wird es für Igel gerade jetzt, im Herbst, kritisch?

Im Herbst beginnt für Igel eine entscheidende Phase: Sie müssen sich genügend Fettreserven anfressen, um den Winterschlaf zu überstehen, den sie normalerweise von November bis März oder April halten. Längere Hitze- und Trockenperioden können die Verfügbarkeit von Nahrungstieren wie Regenwürmern und verschiedenen Wirbellosen einschränken. Besonders spät geborene Jungigel können unter Druck geraten, da ihnen weniger Zeit bleibt, um ausreichende Fettreserven für den Winterschlaf aufzubauen. Die Igel stehen generell unter Druck. Der Europäische Braunbrustigel, die einzige in der Schweiz heimische Igelart, gilt laut der Weltnaturschutzunion IUCN als potenziell gefährdet. Zu den grössten Problemen gehören der Verlust geeigneter Lebensräume und der Rückgang von Insekten.

Wie viel muss ein junger Igel vor dem Winterschlaf wiegen?

Als Orientierung gilt: Ein Jungigel sollte vor dem Winterschlaf über 500 Gramm wiegen. Deutlich leichtere Tiere verfügen häufig nicht über genügend Fettreserven, um die kalte Jahreszeit gut zu überstehen. Besonders kritisch kann die Situation bei Jungigeln mit nur 300 bis 400 Gramm sein. Das Gewicht allein entscheidet aber nicht darüber, ob ein Tier Hilfe benötigt. Auch sein Gesundheitszustand und der Zeitpunkt spielen eine wichtige Rolle.

Kann man den Igeln in diesem Herbst mit Futter helfen?

Gesunde Igel benötigen grundsätzlich keine Zufütterung. Am meisten hilft man ihnen, indem man für ausreichend natürliche Nahrung und geeignete Lebensräume sorgt. Nur in bestimmten Ausnahmesituationen, etwa bei untergewichtigen Jungigeln im Spätherbst, kann eine zeitlich begrenzte Zufütterung sinnvoll sein. Ob und wie gefüttert werden sollte, lässt sich am besten gemeinsam mit einer Igelfachstelle klären.

Was können wir sonst noch tun, damit Igel gut durch den Winter kommen?

Vor allem geeignete Rückzugsorte. Ein naturnaher Garten ist für Igel deshalb besonders wertvoll. Laub- und Reisighaufen, Totholz, Hecken, hohes Gras und Hohlräume in Holzstapeln bieten Schutz und können als Winterquartier dienen. Mein Rat ist ganz einfach: Im Herbst nicht jeden Winkel des Gartens aufräumen. Ein Laubhaufen, der über den Winter liegen bleibt, kann für einen Igel viel wertvoller sein als ein perfekt gepflegter Garten. Auch ein geeignetes Igelhaus kann helfen, wenn es an einem ruhigen, wind- und wettergeschützten Ort steht.

Woran erkenne ich einen Igel, der tatsächlich Hilfe braucht?

Nicht jeder Igel, der im Herbst unterwegs ist, braucht automatisch menschliche Hilfe. Zuerst sollte man das Tier aus etwas Distanz beobachten. Alarmzeichen sind beispielsweise sichtbare Verletzungen, ein unsicherer Gang, schwache Reaktionen, Apathie oder ein auffälliger Geruch. Auch die Körperform kann Hinweise liefern: Stark unterernährte Igel haben häufig eingefallene Flanken und eine deutliche Einbuchtung hinter dem Kopf. Ein gesunder und gut genährter Igel wirkt dagegen eher birnenförmig, vorne schmaler und hinten rund. Aufmerksam sollte man auch werden, wenn ein Igel bei Dauerfrost oder Schnee noch unterwegs ist. Ebenso ein tagsüber aktiver Igel sollte genauer beobachtet werden, da dies auf eine Erkrankung oder einen erhöhten Nahrungsbedarf hinweisen kann. Nicht jede Tagesaktivität bedeutet aber automatisch, dass das Tier Hilfe benötigt.

Sollte man einen kleinen oder geschwächten Igel einfach mit nach Hause nehmen?

Nein. Gut gemeint ist nicht automatisch gut für das Tier. Ein Igel ist ein geschütztes Wildtier und sollte nur dann aus seiner Umgebung genommen werden, wenn tatsächlich Hilfe notwendig ist. Bei offensichtlich verletzten oder kranken Igeln sollte umgehend eine Igelstation oder eine tierärztliche Fachperson kontaktiert werden. Bei kleinen, ansonsten gesund wirkenden Jungigeln ist ebenfalls fachlich abzuklären, ob und welche Unterstützung tatsächlich notwendig ist. Ein Eingreifen als Privatperson auf eigene Faust kann unter Umständen strafbar sein.

Was gilt, wenn sich ein Igel bereits ein Winterquartier eingerichtet hat?

Dann sollte man ihn möglichst in Ruhe lassen. Igel schlafen im Winter nicht ununterbrochen, verbringen aber den grössten Teil dieser Zeit schlafend. Jedes unnötige Aufwachen kostet wertvolle Energie und damit Fettreserven. Laub-, Reisig- und Holzhaufen sollten deshalb im Winter nicht entfernt oder ohne vorherige Kontrolle umgeschichtet werden. Wer solche Rückzugsorte stehen lässt, hilft dem Igel oftmals am meisten, indem er einfach nichts tut.

In Kürze – So helfen Sie Igeln im Herbst

  • Naturnahe Gärten fördern: Laub- und Reisighaufen, einheimische Hecken, Totholz und ungemähte Bereiche bieten Igeln Schutz und Lebensraum für ihre natürlichen Nahrungstiere.
  • Rückzugsorte erhalten: Laub-, Ast- und Holzhaufen sollten über den Winter möglichst ungestört bleiben. Sie können Igeln als Winterquartier dienen.
  • Gärten vernetzen: Durch kleine Durchgänge in Zäunen können Igel zwischen Gärten wandern und nach Nahrung suchen.
  • Gefahren vermeiden: Auf den nächtlichen Einsatz von Mährobotern verzichten, vor Gartenarbeiten potenzielle Igelverstecke kontrollieren und offene Schächte oder Gruben sichern.
  • Wasser anbieten: Eine flache, stabile Schale mit frischem Wasser kann Igel, insbesondere bei Trockenheit, unterstützen. Wechseln Sie das Wasser regelmässig und reinigen Sie die Schale.

Janick Ehrsam

Projektverantwortlicher Wildtiere beim Schweizer Tierschutz STS

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